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Zwischen Pinne und Großschot

Es war schon immer ein Kindheitstraum von mir, einmal mit einem großen Segelboot richtig zu segeln. In diesen Träumen war man natürlich entweder Pirat oder Entdecker und segelte kreuz und quer durch die Ozeane. Heute bin ich erwachsen und kann eigentlich allen Träumen nachgehen, die im Rahmen meiner finanziellen und familiären Möglichkeiten liegen. Da mein Freund ebenfalls ein großer Wassersport-Fanatiker ist, entschlossen wir uns im August 2001 einen Segelkurs zu machen.

Die erste theoretische Segelstunde hatten wir hinter uns, als es das erste Mal auf´s Wasser ging. Aber vorher sollten wir an Land wichtige Routine-Griffe üben. „Klar zum Segel setzen“ „Ist klar!“ Auch so ein paar Knoten übten wir, was mir schon ziemlich viel Spaß bereitete. Dann ging es endlich aufs Wasser. Zu unserer Enttäuschung paddelten wir erst einmal um Bojen und machten uns mit dem Boot vertraut. Obwohl das Rauslehnen aus dem Boot bis zur maximalen Schräglage mich eher verunsicherte.

Am nächsten Tag blies der Wind ziemlich frisch. Immerhin hatten wir den 2. September. Wieder stiegen wir in die Boote. An diesem Tag, war ich nicht so gut drauf. Körperliche Mattheit aufgrund des Arbeitsstresses der letzten Woche sowie einer schon ewig wehrenden Erkältung setzten mir ebenso zu, wie die Angst die in mir stieg. Zwar hatten wir zumindest die Wende theoretisch mit Hilfe von zwei Stühlen und einem Besen durchgespielt, aber der Wind... Die ersten Probleme hatten wir beim Ankern bzw. dem nächsten Schritt das Großsegel zu setzen. Da der Anker alles machte, nur nicht das Boot verankern, drehten wir uns im Wind. Ich in meiner panischen Angst hielt natürlich das noch nicht ganz gereffte Grossegel samt Mastbaum fest, anstatt es loszulassen. Somit drehten wir uns weiter, kämpften mit der Schräglage und gaben uns gegenseitig unnütze Anweisungen. Bis Matthias den Anker nochmals auswarf, der uns dann doch noch fest hielt, so dass wir das Segel weiter klar machen konnten. Geschafft, dass Grossegel eingerefft, saßen wir beide im Boot und sahen uns mit großen Augen an: „Und was jetzt“. Wir wussten beide, dass wir jetzt den Anker hoch holen und um die ausgelegten Bojen segeln sollten. Ja aber mach dass mal, wenn du den Wind von vorne hast??? Damals hatte ich aus meiner Unwissenheit und meiner Angst heraus noch nicht soweit gedacht, das wir uns wegen dem Gegenwind nicht vorwärts bewegten. Matthias meinte immer nur: „Backbord, Du musst Backbord“. Ja toll, wenn man jetzt auch noch wüsste, was Backbord ist!!! Ich also erst mal das Ruder bewegt, natürlich nicht nach Backbord, was uns wiederum die Fahrt nahm. „Backbord, Julia“ Das Boot schaukelte und wippte und mir war überhaupt nicht mehr nach Segeln. Matthias sah mich erwartend an. „Was ist denn Backbord, rechts oder links?“ Au man war mir das peinlich, aber ich wusste es wirklich nicht. Wie oft hatte ich mich früher über meine Mutter beköstigt, die nicht mal rechts und links auseinander halten konnte. Matthias erklärte mir also Backbord und Steuerbord soweit das auf einem stark wippenden, schaukelndem Boot und ziemlich viel Wind eben ging. Aber ich hatte so mit mir und dem Geschaukel zu tun, dass in diesem Moment weder Backbord und Steuerbord noch rechts und links klappte. Wir bekamen fahrt und fuhren Richtung Boje. So, nun bitte eine Wende. Wie war das noch mal, wo lang jetzt die Pinne? Mal ganz abgesehen von Back- und Steuerbord, es war ein scheiß Spiel. Irgendwie und mit viel Getöse von Matthias waren wir jetzt rum um die Boje. Es ging weiter, es blieb keine Zeit um einmal tief Luft zu holen oder sich zu sammeln und das mit dem Back- und Steuerbord auf die Reihe zu bekommen. Ich hörte immer nur eben diese Worte und verzweifelte an dem Ruder zumal der Wind eher stärker als weniger wurde. Außerdem waren ja nicht nur wir auf dem See, sondern noch die 5 anderen Boote der Segelschule und die Freizeitsegler. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn so eine größere Kielyacht von vorne kommt und man eigentlich überhaupt nicht weiß, wo lang jetzt? Matthias war ziemlich gereizt und wurde energisch mit seinen Backbord bzw. Steuerbord rufen. Ich war fix und fertig. Dazu kam die Angst, die sich bei jeder Krängung extrem steigerte. Kurz vor einer Wende hatten wir eine so starke Krängung, dass ich in den höchsten, noch nie von mir hörbaren Tonlagen aufschrie. Darüber hatte ich mich bald mehr erschrocken als über die Krängung. Das war der Punkt, wo ich am liebsten ausgestiegen wäre. Wahrscheinlich hätte ich mich dann nie wieder in ein Segelboot gesetzt. Aber wir mussten weiter. Ab da an riss ich mich zusammen. Was sollte ich auch anderes tun, die Situation war peinlich genug. Unser Segellehrer erkundigte sich grinsend nach meinem Wohlsein oder vielmehr Unwohlsein. Matthias sagte nun nicht mehr so viel zu mir. Ich entschloss mich, der Angst ins Auge zu sehen. Ich setzte mein Gehirn ein und versuchte logische Erklärungen für das Bootsverhalten zu suchen. Mit der Zeit hatten wir es dann raus, wie wir die Wende fahren müssen, um nicht gleich zu kentern. Allerdings ließ dann auch der Wind etwas nach, so dass ich auch mal zum Luftholen kam. Langsam meldete sich dann auch mein Verstand zurück, was mein Verhältnis zu Back- und Steuerbord erheblich verbesserte. Leider waren bis dahin schon zwei Stunden um und wir mussten zurück in unsere Bucht segeln.

Der Segellehrer gab anschließend zu, dass wir sehr viel Wind für unsere erste Segelstunde hatten. Immerhin hatten wir in unserem Kurs keine Kenterung. Nur einer wollte sich das Spektakel mal aus dem Wasser ansehen. Ich für meinen Teil war froh wieder an Land zu sein. Ich war total erschöpft und hatte so ziemlich die Nase voll vom Segeln.

Jetzt zwei Tage danach, hab ich schon wieder Lust zu segeln. Ich bin von Haus aus sehr ehrgeizig. Aber dieser Ehrgeiz ist noch gestiegen, nach dem ich mir das Verhalten einer Jolle im Wind erlesen habe. Auch der gestrige Theorieunterricht, wo die einzelnen Manöver noch mal durchgesprochen wurden, waren für mich sehr lehrreich. Allerdings habe ich immer noch eine ganze Menge Respekt vor dem Wind und dem Wasser. Beides ist unberechenbar und wird oft mit Freiheit assoziiert.
Somit hatte ich am Wochenende eine Lektion in Sachen Freiheit. Aber eh ich diese Freiheit genießen kann, werde ich noch ein paar Praxissegelstunden benötigen.
 

Julia

 

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